Neuer UNICEF-Bericht: Kinder in einer digitalen Welt


UNICEF-Bericht «Zur Situation der Kinder in der Welt 2017»

Zürich/New York/Genf, 11.12.2017 – Heute hat UNICEF den Bericht «State of the World’s Children» publiziert. Der neue Bericht befasst sich mit der digitalen Kluft in Bezug auf den Online-Zugang und untersucht die aktuelle Fragestellung über die Auswirkungen des Internets und der sozialen Medien auf die Sicherheit und das Wohlergehen von Kindern. UNICEF fordert, dass Kinder vor Gefahren geschützt werden müssen. Der bezahlbare Zugang zu qualitativ hochwertigen Online-Angeboten muss für Kinder erleichtert und gefördert werden, so dass auch die am stärksten Benachteiligten vom Fortschritt und der Kraft des digitalen Zeitalters profitieren können.

 

Trotz der starken Online-Präsenz von Kindern – weltweit ist einer von drei Internet-Nutzern ein Kind oder Jugendlicher unter 18 Jahren – wird zu wenig getan, um sie vor den Gefahren der digitalen Welt zu schützen und ihren Zugang zu sicheren und qualitativ hochwertigen Online-Inhalten zu stärken. 

 

Wie die digitale Technologie sich auf Kinder auswirkt: Chancen und Gefahren

Mit dem Bericht «Zur Situation der Kinder in der Welt 2017: Kinder in einer digitalen Welt» präsentiert UNICEF erstmals eine flächendeckende Betrachtung der Fragestellung, wie die digitale Technologie sich auf Kinder und ihre Lebenschancen auswirkt und identifiziert sowohl Chancen wie auch Gefahren. Der Bericht legt dar, dass weder die Regierungen noch der private Sektor mit dem Tempo des Wandels mitgehalten und Kinder so neuen Risiken und Gefahren ausgesetzt haben sowie Millionen der am stärksten benachteiligten Kinder aussen vorgelassen wurden.

 

«Die digitale Technologie mit all ihren Vor- und Nachteilen ist eine irreversible Tatsache der heutigen Zeit», so UNICEF Direktor Anthony Lake. «In dieser digitalen Welt haben wir die zweifache Herausforderung, die Gefahren für Kinder einerseits zu minimieren und gleichzeitig den Nutzen des Internets für jedes Kind zu maximieren.»

 

Der Bericht untersucht den Nutzen, den die digitale Technologie den am stärksten benachteiligten Kindern bieten kann – einschliesslich denen, die in Armut aufwachsen oder von humanitären Katastrophen betroffen sind. Digitale Technologien eröffnen Kindern Chancen für Lernen und Bildung, sie ermöglichen ihnen, den Zugang zu Informationen zu verbessern. Sie können zudem Jobchancen für junge Menschen verbessern, indem sie Trainingsmöglichkeiten zugänglich machen und bei der Arbeitssuche helfen und sie lassen neue Arten der Arbeit entstehen. Nicht zuletzt geben sie ihnen eine Plattform, um sich zu vernetzen und ihre Ansichten mitzuteilen. Aber der Bericht zeigt auch, dass Millionen von Kindern von diesem Fortschritt nicht profitieren können und eine digitale Kluft besteht. Rund ein Drittel der Jugend weltweit – 346 Millionen – haben keinen Online-Zugang. Dies verschärft bestehende Ungleichheiten und schmälert die Fähigkeit dieser Kinder, sich in einer zunehmend digitalen Wirtschaft einzubringen und teilzuhaben. Sie wachsen heute in einer Welt auf, die von Tech-nik und Information getrieben ist. Wenn sie daran nicht teilhaben können, bleiben ihnen viele Lernmöglichkeiten und Informationen vorenthalten.

 

Der Bericht analysiert auch, wie das Internet die Anfälligkeit der Kinder für Risiken und Gefahren erhöht wie zum Beispiel den Missbrauch von privater Information, den Zugang zu schädlichen Inhalten und Cybermobbing. Die allgegenwertige Präsenz von Mobilgeräten hat den Internetzugang für viele Kinder unkontrollierter und potenziell auch gefährlicher gemacht. Zudem ermöglichen digitale Netzwerke wie das Darknet und virtuelle Währungen die schlimmsten Formen von Ausbeutung und Missbrauch, beispielsweise Kinderhandel, und ermöglicht neue Formen wie die kommerzielle Verbreitung von Missbrauchsbildern oder Live-Streamings von sexuellem Missbrauch von Kindern.

 

Der Bericht liefert aktuelle Zahlen und Analysen der Online-Nutzung und der Auswirkungen der digitalen Technologie auf das Wohlergehen von Kindern und befasst sich mit der zuneh-menden Debatte um digitale «Abhängigkeit» und die möglichen Folgen der online verbrachten Zeit auf die Entwicklung des kindlichen Gehirns.

 

Weitere Fakten aus dem Bericht

   Junge Menschen sind die am besten vernetzte Altersgruppe. Weltweit sind bereits 71 Prozent der 15 bis 24-Jährigen online – gegenüber 48 Prozent der gesamten Weltbevölkerung

   Afrikanische Jugendliche sind am wenigsten vernetzt mit rund 3 von 5 Jugendlichen oder 60 Prozent die offline sind – gegenüber 1 von 25 in Europa (vier Prozent).

   Die digitale Kluft spiegelt wirtschaftliche Ungleichheiten: Kinder aus wohlhabenden Familien können die Chancen des Internet besser nutzen – während sie benachteiligten Kindern oft vorenthalten bleiben. Es gibt auch eine Geschlechterkluft bei der Digitalisierung: Weltweit sind zwölf Prozent mehr Männer im Internet als Frauen.

   Ungefähr 56 Prozent aller Webseiten sind Englisch und viele Kinder können keine Inhalte finden, die sie verstehen oder die für sie kulturell relevant sind. Vielen fehlen auch das Wissen und die technischen Geräte, um das Internet wirklich nutzen zu können.

   92% der über 57'000 von der Internet Watch Foundation identifizierten Internetseiten mit kinderpornografischen Inhalten, waren 2016 in fünf Ländern ansässig: in Frankreich, Kanada, den Niederlanden, Russland und in den USA.

Massnahmen, um die die Kraft des digitalen Zeitalters für alle Kinder zu erschliessen

 

Um für alle Kinder dieselben digitalen Voraussetzungen zu schaffen und die digitale Welt sicherer zu machen, ruft UNICEF Regierungen, den Technologie- und Telekommunikationssektor dazu auf, den Kinderschutz im Netz und die Erweiterung des Internetzugangs zu einer Priorität zu machen. Nur ein gemeinsames Handeln – der Regierungen, des privaten Sektors, der Kinderorganisationen, der Hochschulen, Familien und der Kinder selbst – kann den digitalen Raum für Kinder zugänglicher und sicherer machen, so das Fazit des Berichts.

Der Bericht schlägt sechs praktische Empfehlungen vor, um politische Strategien zugunsten der Kinder effektiver und Geschäftspraktiken verantwortungsvoller zu gestalten.

   Zahlbaren Zugang zu qualitativ hochwertigen Online-Angeboten für alle Kinder sicherstellen

   Kinder müssen vor Gefahren im Internet geschützt werden – diese Gefahren beinhalten Missbrauch, Ausbeutung, Kinderhandel, Cybermobbing und die Einsicht von für Kinder ungeeigneten Materialien.

   Die Privatsphäre und die Identität von Kindern müssen auch online geschützt werden.

   Die digitalen Kompetenzen von Kindern müssen ebenso geschult werden wie lesen, schreiben und rechnen, um Kinder online informiert, engagiert und sicher zu halten.

   Der private Sektor soll seinen Einfluss und seine Macht geltend machen und so ethische Standards und Geschäftspraktiken vorantreiben, die Kinder online Schutz bieten und ihnen einen Nutzen bringen.

   Die Interessen der Kinder müssen ins Zentrum der politischen Bestrebungen im Bereich Digitalisierung gerückt werden. Kinder gehören ins Zentrum einer Digital-Politik.

 

«Das Internet wurde für Erwachsene konzipiert, aber es wird zunehmend von Kindern und Jugendlichen genutzt – und die digitale Technologie wirkt sich auch zunehmend auf ihr Leben und ihre Zukunft aus. Daher müssen digitale Lösungen und Produkte sowie auch politische Bestrebungen im Bereich Digitalisierung immer auch die Bedürfnisse, Perspektiven und Stimmen der Kinder reflektieren.» so Anthony Lake. 

Marco Hüttenmoser (Netzwerk Kind und Verkehr)

macht einen Rückblick auf die Veranstaltungen zum Thema "Draussen spielen" vom 27.08.2017 in Bern und vom 28.08.2017 in Zürich.

Am 27. und 28. September hat Christiane Richard-Elsner vom Fachverband Offene Kinder- und Jugendarbeit ABA in Dortmund ihr Buch „Draussen spielen“ mit einem Vortrag in Bern und Zürich vorgestellt. Veranlasst wurde der Vortrag von Marco Hüttenmoser von der Forschungs- und Dokumentationsstelle Kind und Umwelt. Die Durchführung erfolgte gemeinsam mit infoklick (Kinder- und Jugendförderung Schweiz) und dem Verbund Lebensraum Zürich VLZ. Die Einführung in die Thematik durch Marco Hüttenmoser, die in Zürich durch einen wichtigen Entscheid des Stadtrats Daniel Leupi ergänzt wurde, sei hier wiedergegeben.

 

Das Buch von Christiane Richard-Elsner ist aus meiner Sicht von grosser Bedeutung: Die Erkenntnisse zu den Auswirkungen des «Draussen Spiels» und zu den gravierenden Folgen, wenn dieses fehlt, werden in ihm erstmalig und in grosser Fülle ausgebreitet. Zahlreiche Anregungen vermitteln zudem, wie die Situation der Kinder verändert und durch das Draussenspiel belebt werden kann.

Da ich im Rahmen der Forschungs- und Dokumentationsstelle Kind und Umwelt  und als Koordinator des Netzwerks Kind und Verkehr seit Jahrzehnten um mehr Freiraum für die Kinder kämpfe, bin ich über Verstärkung aus Dortmund sehr glücklich. Einige kritische Bemerkungen in Bezug auf die Schweiz seien mir hier einleitend erlaubt.

 

Erstens: «Draussen spielen» was für ein einfacher Titel! Das ist doch selbstverständlich. Wir gehen doch alle mit den Kindern immer wieder auf die Spielplätze im Wohnumfeld oder auf öffentlichem Grund. Setzen uns dort und plaudern mit andern Müttern oder Vätern. -  Bis, ja bis - sich mein Kind Sand um den Mund, schmiert, einen Baum, die Schaukel besteigen will oder gar mit den Spielkameraden zu streiten beginnt. Da juckt es uns in den Beinen. Wir eilen herbei, intervenieren und entziehen dem Kind die Möglichkeit das Problem selbst zu lösen.

Nicht viel anders ist es in Spielgruppen, in Kitas, Kindergärten, in der Schule: Als Angestellte Lehrpersonen ist nicht nur der Aufsichtspflicht unterstellt, sondern hat auch einen Bildungsauftrag, den man unbedingt und andauernd erfüllen will. … und nach der Kita, nach dem Kindergarten, nach der Schule und Tagesschule kommt der Hort oder – sofern man das Kind nicht einfach den Medien überlässt – eine mehr oder weniger intensive Förderung zu Hause. Draussen spielen setzt hier einen Kontrapunkt. Es will dem Kind jenen Raum und jene Zeit zurückgeben, in dem es ohne ständige instruierende erwachsene Begleitung eigenständige Erfahrungen in seiner Umwelt machen kann.

Wir haben, so meine Meinung, die Balance verloren zwischen dem, was die Kinder von Erwachsenen vermittelt bekommen und dem, was sie selber erfahren und dank diesen Erfahrungen auch das von Oben herab vermittelte verarbeiten und internalisieren können.

Zweitens: Vernünftige Erziehung und Bildung, ja das gesunde Aufwachsen eines Kindes braucht Raum! Raum, den Kinder selbstständig erreichen und wo sie mit andern Kindern spielen können. Diesen Raum zu schaffen, übersteigt in den allermeisten Fällen die Möglichkeiten der Eltern wie all jenen, die beruflich Bildung vermitteln. Wenn ich, um ein banales Beispiel zu erwähnen, als Mutter während Jahren gezwungen werde, mein Kind ständig an die Hand zu nehmen, weil der motorisierte Strassenverkehr vor der Haustüre zu gefährlich ist, weil rund ums Haus der geeigneter Raum fehlt, weil, mein Kind die Haustüre nicht selbstständig öffnen kann, so fehlt es dem Kind an Bewegung und an eigenständigen sozialen Kontakten. Das «Ständige-an-die-Hand nehmen» führt fast unausweichlich zu einer höchst ungesunden, allzu engen Beziehung zwischen dem Kind und seinen Betreuern. – Kinder, die so aufwachsen, werden – um eine derzeit aktuelle Diskussion um das Elterntaxi aufzugreifen – gemäss unseren Untersuchungen auch den Weg in den Kindergarten und die Schule nicht allein unter die Füsse nehmen.

Drittens: Der Verlust an Raum für das eigenständige Spiel im Freien hat – wie Christiane aufzeigen wird – vielfältige gravierende Auswirkungen auf die gesunde Entwicklung der Kinder, die unser Gesundheitssystem enorm belasten. – Was tun wir dagegen? – Treten Probleme auf wie Bewegungsmangel, Übergewicht, nicht Beherrschen das Fahrrades, Probleme auf dem Schulweg usw. auf. – so verweisen die Politiker und Politikerinnen schönrednerisch ständig auf die Eigenverantwortung der Eltern. Fehler in der Bau- und Raumplanung, die Verdrängung der Kinder aus dem Strassenraum wird bewusst übersehen. Wo die Schuldzuweisung an die Eltern, was naheliegend ist, nichts nutzt und ständig mehr Defizite bei den Kindern festgestellt werden, beauftragt man unsere Bildungsinstitutionen, damit sie die Defizite bei den Kindern beseitigen. Kitas, Kindergärten und Schulen werden überfordert und zu Flickbuden der Gesellschaft degradiert. Der einsetzende und immer stärker wachsende Therapieapparat behandelt in der Folge Kind für Kind. Dem Problem des fehlenden Frei- und Bewegungsraums als wesentliche Ursache der Defizite stehen die Therapeuten hilflos gegenüber. – Es ist an der Zeit, dass unsere Politik, die Architekten, Raumplaner, Liegenschaftsverwalter aufwachen und an der Wurzel, an der Raumthematik zu arbeiten beginnen.

Der Weg zur Erneuerung des Draussenpiels ist  – so meine Sicht – steinig. Doch denke wir an die Kinder: Sie lieben die Steine, drehen sie auf den Rücken und bewundern all ihre farbigen Schattierungen.  Machen wir es wie Du, liebe Christiane, kehren wir die Schattenseiten nach unten. Dein Buch ist trotz grundlegender Kritik, voll grossartigem Optimismus. Er steckt an.

In diesem Sinne darf ich mit expliziter Erlaubnis von Stadtrat Daniel Leupi – Herr Leupi ist Vorsteher des Finanzdepartementes, der Liegenschaftsverwaltung und der Stiftung Wohnen für kinderreiche Familien - zum Schluss auf eine sehr erfreuliche Entwicklung in der Stadt Zürich hinweisen: Herr Leupi, - er musste sich für heute Abend leider entschuldigen – will ein Projekt initiieren, das die Wohnumfelder der städtischen Liegenschaften für Familien auf ihre Kinderfreundlichkeit überprüfen und verbessern soll.»

 

 


WER DEN SCHULWEG VERPASST, VERPASST DAS HALBE LEBEN…



Bemerkungen zum Thema Schulweg und Kinderzeichnungen

 

Wer Erwachsene nach ihren Erlebnissen aus der Kindergarten- und Schulzeit berichtet lässt, erhält die lebendigsten und reichsten Antworten nicht zum Schulbetrieb, sondern zum Schulweg. Entscheidend ist dabei, dass die Kinder zu Fuss und wenn immer möglich gemeinsam mit andern Kindern gehen können. Lässt man Kinder den weg in den Kindergarten oder die Schule zeichnen, wie dies bei den Bildern der beiden siebenjährigen Knaben der Fall ist, so kommt überdeutlich zum Ausdruck, dass die Fahrt im Auto im Gegensatz zum zu Fuss gehen, kaum Schulwegerlebnisse hinterlässt. Bei den Kindern, die mit dem Auto gefahren werden, bleibt in den Zeichnungen der Weg weitgehend leer. In andern Zeichnungen wird deutlich, dass «das Leben, dort beginnt, wo man aussteigt». Das Umfeld des Wohnhauses und des Kindergartens oder der Schule werden lebendig. Manchmal bleibt der Weg nicht ganz leer, sondern es werden dort Dinge angedeutet, wo man abbremsen muss, etwa bei Kreisverkehrsanlagen oder von Fussgängerstreifen. Andere im Auto gefahrene Kinder wiederum klammern die Zeit, die sie im Auto verbringen ganz aus, indem sie das Wohnhaus und die Schule gleich nebeneinander stellen. Dazwischen hat nur das Transportfahrzeug Platz. Die Schulwegzeichnungen belegen eindrücklich die Aussage, dass «wer den Schulweg verpasst, verpasst das halbe Leben». Umgekehrt machen die Zeichnungen der Kinder, die zu Fuss gehen deutlich, dass der Schulweg ein sehr wichtiger Weg ist, um sich in unsere Welt, unsere Gesellschaft zu integrieren.

 

Marco Hüttenmoser, Netzwerk Kind und Verkehr www.kindundumwelt.ch



Bilanz 2016 zur Umsetzung der Concluding Observationsdes UN-Kinderrechtsausschusses Strukturelle Empfehlungen und Situation asylsuchender Kinder

Eine traurige Realität: Kindesmisshandlungen in der Schweiz 2016

Nur zwei von drei Kindern können in der Schweiz unbeaufsichtigt draussen spielen


Studie im Auftrag von Pro Juventute zeigt: Spielen im Freien wird für Kinder in unserem Land immer rarer

 

Zürich/Lausanne/Giubiasco, 21.11.2016 – Während Kinder in den 1970er Jahren einen Grossteil ihrer Freizeit im Freien verbrachten und sich jeden Tag 3 bis 4 Stunden bewegten, sieht die Situation heute weitaus tris­ter aus: Wie eine heute veröffentlichte Studie im Auftrag von Pro Juventute zeigt, spielen Deutschschweizer Kinder im Durchschnitt noch 32 Minuten pro Tag ohne Aufsicht draussen, Kinder in der Romandie sogar nur 20 Minuten. Jedes dritte Kind in unserem Land kann gar nicht draussen spielen oder nur unter der ständigen Aufsicht von Erwachsenen. Dies ergab eine Befragung von 649 Familien aller sozialen Schichten aus der Deutschschweiz und der Romandie, welche die Universität Freiburg, die Evangelische Hochschule Ludwigsburg und das Marktforschungsinstitut GfK Switzerland im Auftrag von Pro Juventute durchgeführt haben. Pro Juventute fordert, dass in der Raum- und Stadtentwicklung die Bedürfnisse der Kinder nach Freiräumen in ihrer Wohnumgebung ernst genommen und stärker berücksichtigt werden.

«Bewegung und freies Spielen fördern die körperliche Gesundheit von Kindern sowie ihr psychisches Wohlbefinden, ihre Sprache, ihre Emotionen und ihr Sozialverhalten», erklärt Urs Kiener, Leiter Grundlagen bei Pro Juventute. «Doch während sich Kinder und Jugendliche in den 1970er Jahren im Durchschnitt 3 bis 4 Stunden pro Tag bewegten, verbringen sie heute einen Grossteil ihrer Schul- und Freizeit sitzend», so Kiener weiter.

Ausschlaggebend, dass Kinder draussen spielen und sich genügend bewegen können, sind die Beschaffenheit des unmittelbaren Wohnumfelds und die Möglichkeiten für Interaktion und Kontakt mit Gleichaltrigen. Anders gesagt: Ob Spielräume von den Eltern als gefährlich oder ungefährlich wahrgenommen werden, ob sie zugänglich und gestaltbar sind, aber auch, ob sich im Umfeld Möglichkeiten zur Interaktion mit anderen Kindern ergeben, beeinflusst wesentlich, wie oft und wie lange Kinder die Wohnung verlassen und selber draussen spielen. Und sie tun dies deutlich seltener als früher, wie die heute veröffentlichte Studie belegt: Im Durchschnitt spielt ein Kind in der Schweiz noch 47 Minuten pro Tag draussen, davon 29 Minuten selbständig und ohne Aufsicht. Deutliche Unterschiede zeigen sich zwischen der deutschsprachigen und der französischsprachigen Schweiz. In deutschsprachigen Gebieten spielen Kinder im Durchschnitt 32 Minuten ohne Aufsicht draussen, in französischsprachigen dagegen nur rund 20 Minuten.

Qualität des Wohnumfelds entscheidend

Jedes siebte Kind (15%) in unserem Land spielt gar nicht draussen und weitere 20% der Kinder nur unter der ständigen Aufsicht von Erwachsenen. Den grössten Einfluss auf die Zeit, die Kinder selbständig draussen verbringen, hat die Qualität des Wohnumfelds. «Kinder können sich ihre Räume nicht aussuchen, sie sind an ihr unmittelbares Umfeld gebunden», so Petra Stocker, Projektkoordinatorin Spielraum und Spielkultur bei Pro Juventute. Die Ressourcen der Familien wirken sich direkt auf das Umfeld aus, in welchem die Kinder aufwachsen. Während 50% der Kinder, deren Eltern einen mittleren Bildungsabschluss haben, in einem eher guten oder sehr guten Wohnumfeld leben, sind es bei Kindern von Eltern mit einem niedrigen Bildungsabschluss nur 19%. «Diese Kinder sind doppelt benachteiligt, denn sie verbringen weniger freie Zeit draussen, und gleichzeitig besuchen sie seltener kostenpflichtige Veranstaltungen und Kurse», so Stocker weiter.

Gefragt: mehr kindgerechte Räume

«Kinder haben einen natürlichen Bewegungsdrang. Wenn sie die Möglichkeit haben, nutzen sie jede freie Minute zum freien Spiel. Durch den zunehmenden Verkehr und die starke Bebauung wird der öffentliche Raum, der Kindern Gelegenheit zum freien Klettern, Hüpfen und Springen bieten würde, jedoch immer rarer», so Kiener.

Um Kindern die nötigen Freiräume für freies Spielen im unmittelbaren Wohnumfeld zu ermöglichen, fordert Pro Juventute daher Qualitätsstandards für kindergerechte Freiräume, eine institutionelle Verankerung der Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen in den Prozessen der Raumplanung sowie die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an der Gestaltung des öffentlichen Raums. «Das Kinderspiel darf nicht nur auf den Spielplätzen stattfinden. Kinder müssen direkt vor der Haustür spielen können», so die Forderung von Petra Stocker von Pro Juventute.

 

 

 

 

Wenn Eltern Kinder schlagen


von Franz Ziegler am 10. Oktober 2016

 

Über 300 misshandelte Kinder unter zwei Jahren werden jährlich im Spital behandelt. Erschreckend viele Eltern finden das Schlagen von Kindern normal, sagt der Kinderschutz-Experte Franz Ziegler. Er erklärt, warum ein Verbot von Körperstrafen helfen würde.

 

Franz Ziegler, 2015 wurden in Schweizer Kliniken fast 1400 Kinder als Opfer von Gewalt behandelt. Jedes vierte war jünger als zwei Jahre. Wie kann es so weit kommen, dass jemand ein wehrloses Kleinkind oder gar einen Säugling schlägt?

Wenn so kleine Kinder misshandelt werden, ist das meist ein Ausdruck von Hilflosigkeit. Die Eltern sind überfordert, wissen sich nicht zu helfen, verlieren die Nerven.

In welchen Situationen kann das passieren?

In einer Schweizer Untersuchung wurden Eltern gefragt, warum sie ihr Baby geschlagen haben. Viele, rund 40 Prozent, antworteten: wegen Ungehorsams.

Ungehorsam? Bei so kleinen Kindern?

Ja, das ist erschreckend. Babys und Kleinstkinder haben noch keine Vorstellung von richtig oder falsch, man kann von ihnen keinen Gehorsam erwarten. Eltern, die so kleine Kinder wegen Ungehorsam strafen, wissen schlicht zu wenig über die Entwicklung von Kindern. Das muss sich ändern.

 

“Fragt man in Studien «Haben Sie Ihr Kind je geschlagen?», antworten 80 Prozent der Befragten mit Ja.”

 

Warum schlagen diese Eltern, während andere sich beherrschen können?

Eigentlich sind das Menschen wie Sie und ich. Aber ob sie schlagen, ist eine Frage der momentanen Lebensumstände, der Persönlichkeit und der Biografie. Und es gibt Faktoren, die Gewaltanwendung wahrscheinlicher machen: Stress, eigene Gewalterfahrung, geringe Frustrationstoleranz, gesundheitliche Probleme. Oft sind Eltern auch enttäuscht: Kinder, die den Erwartungen der Eltern nicht gerecht werden, sind häufiger Misshandlungen ausgesetzt – unter anderem Kinder mit Behinderungen. Aber Gewalt in der Erziehung war und ist für viele Eltern auch normal, statistisch betrachtet. Fragt man in Studien «Haben Sie Ihr Kind je geschlagen?», antworten 80 Prozent der Befragten mit Ja. Es werden also die meisten Kinder geschlagen. Die Fälle, die im Kinderspital landen, sind nur die schlimmsten.

Versuchen Sie, Verständnis aufzubringen für Eltern, die ihre Kinder schlagen?

Wenn Eltern schildern, was passiert ist, ist ihr Handeln oft nachvollziehbar, ihre Gewalt aber nie entschuldbar. Und den allermeisten ist überhaupt nicht recht, was sie getan haben. Viele atmen auf, weil ihnen endlich jemand hilft. Sie lehnen Unterstützung keineswegs ab.

 

“ Jede einzelne Ohrfeige hat negative Folgen.”

 

Warum holen sie sich nicht frühzeitig Hilfe?

Viele misshandelnde Eltern sind schlecht vernetzt. Sie haben nur wenig Kontakt zu Bekannten, Verwandten oder Nachbarn. Und sie wissen nichts über Behörden, Hilfsangebote und das Unterstützungssystem. Oder sie haben ein negatives Bild vom Hilfssystem und fürchten, man werde ihnen gleich das Kind wegnehmen.

 

Wie geht es tatsächlich weiter? Was passiert mit den Kindern?

Auf einer ersten Stufe nehmen Eltern freiwillig Unterstützungsangebote in Anspruch. Wenn keine Einsicht vorhanden ist, können die Behörden eine Kinderschutz-massnahme anordnen, zum Beispiel eine sozialpädagogische Familienbegleitung. Und in ganz drastischen Fällen müssen sich die Eltern vor Gericht verantworten.

Die neuesten Zahlen zeigen: Die Fälle von psychischer Misshandlung haben letztes Jahr mit 31 Prozent erstmals jene von physischer überholt. Wie erklärt sich das?

Seelische Misshandlung war schon immer die häufigste Form von Gewalt, denn sie ist immer auch Bestandteil von physischer oder sexueller Gewalt. Seit wenigen Jahren werden auch Fälle, in denen Kinder von Gewalt zwischen den Eltern mitbetroffen sind, als eine Form psychischer Gewalt erfasst. Das könnte mit ein Grund für die hohe Fallzahl von psychischer Gewalt sein.

Was versteht man unter psychischer Gewalt?

Das wichtigste Merkmal ist: Man vermittelt dem Kind das Gefühl von Minderwertigkeit oder Wertlosigkeit. Das kann Drohen sein, Erpressen, Lächerlichmachen, Demütigen.

Was sind die Folgen seelischer oder körperlicher Misshandlung?

In beiden Fällen lernt ein Kind, sich vor den Eltern zu fürchten, und dass Gewalt offenbar ein Mittel ist, um Konflikte zu lösen. Darum hat jede einzelne Ohrfeige negative Folgen. Gewalterfahrungen führen beim Kind zu Akzeptanz und Ausführung von Gewalt. Durch Gewalt lernt man Gewalt.

 

“Wenn man wüsste, dass Schlagen verboten ist, wäre die Hemmschwelle höher.”

 

Wie erklären diese Eltern ihr Verhalten?

Vielen ist es extrem peinlich, sie fühlen sich schuldig. Es gibt aber auch jene, die fest davon überzeugt sind, dass es Schläge braucht. Gerade in der Debatte um Jugendgewalt argumentieren sie damit, dass aggressive Jugendliche einfach zu wenig hart und streng erzogen worden sind. Die Mehrheit der Erwachsenen in der Schweiz will Körperstrafen nicht verbieten. Und dann gibt es die Überforderten: Sie suchen nach Entschuldigungen und zählen auf, was in ihrem Leben alles schiefläuft.

Immerhin wurde das Züchtigungsrecht der Eltern in der Schweiz aufgehoben. Würde es denn helfen, Körperstrafen ausdrücklich zu verbieten?

Ja. Die gesellschaftliche Akzeptanz schwingt immer mit. Wenn man wüsste, dass Schlagen verboten ist, wäre die Hemmschwelle höher. Schweden hat vor 40 Jahren als erstes Land Körperstrafen explizit verboten. Inzwischen tun dies rund 50 Länder. Die Erfahrungen zeigen: Sinnvolle Prävention besteht aus dem Züchtigungsverbot und dem Angebot von Alternativen. Überforderte Eltern brauchen Unterstützung.

Wie sollte die Prävention aussehen?

Kinder müssten schon im Kindergartenalter wissen, dass sie ein Recht auf körperliche Unversehrtheit haben. Sie würden dadurch eher erkennen, dass es Unrecht ist, wenn man sie schlägt oder wenn sie andere schlagen. Ferner sollten alle, die beruflich mit Kindern zu tun haben, wissen, welche Art von Unterstützung es gibt. Fachpersonen sollten überforderte Eltern erkennen und auf Angebote aufmerksam machen. Und natürlich müsste dann auch ein ausreichendes Angebot vorhanden sein. Und, wie gesagt, Körperstrafen müssen explizit verboten werden.

In der Schweiz bieten Elternnotruf, Pro Juventute, Elternberatung und Dargebotene Hand Hilfe an.

Das ist ein wichtiges Angebot für alle, die unserer Sprache mächtig sind. Aber wir leben in einer multikulturellen Gesellschaft.

Ist Kindesmisshandlung besonders bei Migranten ein Problem?

Nein, das wollte ich damit nicht sagen. Aber wenn etwa ein Prospekt oder ein Leitfaden gedruckt wird, fehlt es oft an den finanziellen Mitteln für die Übersetzung in andere Sprachen und für den Druck.

Also kennen gewisse Sprachgruppen das Angebot gar nicht.

 

“Sich Hilfe zu holen ist ein Zeichen von Stärke, nicht von Schwäche.”

 

Falls man die Eltern erreicht, mit welcher Botschaft kann man verhindern, dass sie zuschlagen?

Indem man ihnen klar sagt: Sich Hilfe zu holen ist ein Zeichen von Stärke, nicht von Schwäche. Man muss das Bewusstsein fördern, dass Unterstützung wichtig und richtig ist. Wenn wir Schmerzen haben, holen wir uns auch Hilfe.

Was soll ich als Privatperson tun, wenn ich den Verdacht habe, dass ein Kind misshandelt wird?

Das hängt von der Beziehung zu den betreffenden Eltern ab. Ist sie freundschaftlich, kann man die Beobachtungen selbst ansprechen. Sonst muss man sich fragen: Mit wem habe ich es zu tun? Wo könnte es Hilfe geben? In den meisten Gemeinden gibt es zum Beispiel einen Sozialdienst.

Und wenn man im öffentlichen Raum Zeuge von Kindesmisshandlung wird?

Auf keinen Fall allein handeln. Hilfe holen und die Eltern vorsichtig ansprechen! Andernfalls kann es gefährlich werden.

Für das Kind?

Oder für einen selbst. Man muss damit rechnen, dass man selbst attackiert wird. Wenn man allerdings fragt, ob man helfen kann, ist das etwas anderes, als wenn man vorwurfsvoll auf eine Person zugeht.

Die Fachstelle Kindesschutz Solothurn und damit Ihre Stelle wurde Ende letzten Jahres aus finanziellen Gründen gestrichen. Wer kümmert sich nun um diese Fälle?

Der Kanton übernimmt jetzt wieder die Prävention. Fälle von Beratung und Intervention gehen zum Teil an den Sozialdienst und zum Teil an die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde Kesb.

 

“Das Verbot von Körperstrafen ist in der Schweiz eine heilige Kuh, die es noch zu schlachten gilt.”

 

Die Kesb taucht immer wieder negativ in den Schlagzeilen auf. Teilen Sie die Kritik?

Nein. Aus Sicht des Kindesschutzes ergibt die Kesb absolut Sinn. Es ist die Professionalisierung, Interdisziplinarisierung und Regionalisierung von Behörden, die über einschneidende Massnahmen entscheiden. Als Vorgänger gab es bis 2013 die Vormundschaftsbehörde – eine Laienbehörde, deren Mitglieder oft überfordert und manchmal befangen waren, zum Beispiel, wenn sie mit Freunden oder Nachbarn über die Gewalt in deren Familie sprechen mussten.

Sie haben sich berufsmässig mit Kindesmisshandlung befasst, als Ihr eigener Sohn noch klein war. Wie konnten Sie damit umgehen?

Dank Auseinandersetzungen und Diskussionen mit Fachleuten, aber auch durch Ablenken mit Sport oder Gartenarbeit.

Sind Sie manchmal an Ihre Grenzen gekommen?

Ja. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Fall, in dem ein Vater ein begleitetes Besuchsrecht hatte und in einem unbeaufsichtigten Moment seine Kinder entführte. Er war wegen Betrugs, Hehlerei und Körperverletzung vorbestraft. Aber er hatte einen guten Verteidiger. Solche Fälle, in denen Behörden oder Fachleute nicht handelten oder nicht reagierten, haben mich unglaublich wütend gemacht.

Was motiviert Sie, trotz solch schwieriger Erlebnisse weiterzumachen?

Die Tatsache, dass es um Ungerechtigkeiten geht. Warum soll man in der Schweiz eine bestimmte Altersgruppe verprügeln dürfen? Genauso gut könnte man sagen, dass man alle über 90-Jährigen, alle Blonden oder alle Arbeitslosen schlagen darf. In der Bundesverfassung steht, dass Kinder ein Anrecht auf besonderen Schutz haben. Dennoch lehnt der Bundesrat das Verbot der Körperstrafe ab – mit der Begründung, dass die vorhandenen Gesetzesgrundlagen genügen. Dass das Gegenteil der Fall ist, zeigen die Gewalterfahrungen vieler Kinder.

Sehen Sie auch Erfolge?

Auf jeden Fall. Die Zahl der Misshandlungen ist zwar lange gestiegen, aber wohl primär wegen des gesteigerten Bewusstseins für das Thema. Heute ist die Dunkelziffer wahrscheinlich kleiner als früher. Vergleicht man den zivilrechtlichen Kindesschutz mit jenem vor 30 Jahren, sind wirklich enorme Fortschritte festzustellen. Aber das Verbot von Körperstrafen ist in der Schweiz eine heilige Kuh, die es noch zu schlachten gilt.

(aus der Migros Zeitung vom 10.10.16)

 

ZUR PERSON

25 Jahre Einsatz für den Kinderschutz

Franz Ziegler (60) beschäftigt sich schon über ein Vierteljahrhundert mit Kindesmisshandlung. 

DAS SAGT DAS GESETZ

Körperstrafen sind in der Schweiz nicht verboten

 

Das Recht, Kinder köperlich zu züchtigen, wurde 1978 aus dem Schweizer Gesetz gestrichen. Die Körperstrafe ist aber trotz mehrerer politischer Vorstösse bis heute nicht explizit verboten. Laut bestehendem Gesetz sind wiederholte Schläge ein Offizialdelikt und können von jeder Person zur Anzeige gebracht werden. Eine einmalige Ohrfeige wird auf Antrag des Kindes oder seines gesetzlichen Vertreters geahndet. Da die Schweiz die UNO-Kinderrechtskonvention unterzeichnet hat, fordert die UNO von der Schweiz das Verbot aller Körperstrafen. Ende September beantragte der Ständerat die Ratifizierung eines UNO-Protokolls, das es Einzelpersonen erlaubt, sich direkt an den UNO-Kinderrechtsausschuss zu wenden.